Wie geht Aufräumen? Warum der erste Schritt weder Aussortieren noch Organisieren ist
- Sandy Saffeels
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Viele Menschen fragen sich: Wie geht Aufräumen richtig und wo beginnt man am besten?
Wenn das Chaos, die Unordnung oder das alltägliche Aufräumen zu viel wird und man das Gefühl hat nicht mehr hinterherzukommen, reagieren Menschen ganz unterschiedlich.
Die einen kaufen erst einmal Organisationsmaterial. Plastikcontainer, schöne Körbe, Sortierboxen, Mini-Regale, die ins große Regal passen, Unterbettkommoden. Es wird eingeräumt, umgeräumt, gestapelt und neu sortiert. Und für einen Moment - manchmal für ein paar Wochen - sieht alles besser aus.
Die anderen beginnen mit dem Aussortieren. Sie öffnen Schränke, ziehen Schubladen heraus und fragen sich, was man „decluttern“ kann. Das ist gar kein schlechter Anfang. Weniger Dinge zu besitzen, kann sehr befreiend sein.
Und doch hält auch das oft nicht lange. Denn trotz weniger Dinge bleibt das Gefühl, nicht wirklich den Überblick zu haben. In der hintersten Ecke stehen Kisten, die man bewusst übersieht. „Das mache ich irgendwann.“
„Irgendwann“ ist ein wunderbares Wort. Es beschreibt eine Zeit, in der man eines Morgens aufwacht, plötzlich alles im Griff hat, nichts Dringendes ansteht und man sogar schon sein Yoga gemacht hat. Und dann - endlich - kümmert man sich um all die Dinge, die so lange gewartet haben.
Jedenfalls war das früher meine Vorstellung.
Aber irgendwann passiert nicht einfach. Man muss es festlegen. Am besten jetzt.
Und genau hier beginnt Aufräumen.
Nicht mit Aussortieren. Nicht mit Organisieren. Sondern mit einer Vision.
Mit der Frage: Wie möchte ich eigentlich leben?
Diese Vision muss nicht perfekt sein. Sie darf wachsen. Sie darf sich verändern. Sie darf zunächst nur ein leiser Wunsch sein. Aber sie ist der innere Kompass, der durch den gesamten Prozess trägt.
Es geht nicht nur darum, Chaos zu beseitigen. Es geht darum, das eigene Leben bewusster zu gestalten. Zu entscheiden, was willkommen ist. Was gut tut. Worin man Freude findet. Worin Ruhe entstehen darf.
Ich habe eine Kundin, mit der ich ein sogenanntes „Tidying Festival“ gemacht habe - wir sind systematisch nach der KonMari-Methode durch ihr gesamtes Haus gegangen. Ihre anfängliche Vision war schlicht: eine ordentliche Küche, in der sie Gäste bekochen kann. Mehr Sport. Kunst an den Wänden. Ein Zuhause, das sich stimmig anfühlt.
Es war kein großes Manifest. Aber es war ein Bild.
Dieses Bild hat sie getragen.
Im Laufe der Arbeit gab es viele Aha-Momente. Einer davon war beinahe unscheinbar: An einer Wand standen früher Kisten mit verschiedenstem Allerlei. Erst nachdem sie verschwunden waren, bemerkte sie, dass sie jahrelang mit leicht geneigtem Kopf an dieser Stelle vorbeigegangen war. Unbewusst. Als würde sie den Anblick ausblenden.
Was das an unbewusster Energie kostet.
Als die Wand frei war, beschrieb sie es als ein Gefühl von neuer Freiheit.
Mit jedem Schritt entstanden neue Inspirationen für ihre Vision, und immer mehr davon wurde realistisch.
Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf diese Kundin bin!
Unsere Vision hilft uns nicht nur bei Dingen. Sie hilft uns bei Entscheidungen. Wir beginnen mit den Dingen, um genau zu sein, mit Kleidung - weil es leichter ist, hier Entscheidungen zu treffen. Doch der Prozess breitet sich aus. Er berührt Verpflichtungen, Gewohnheiten, manchmal sogar Beziehungen.
Eine andere Kundin entschied sich während unserer Zusammenarbeit, einen Chor loszulassen, den sie lange geleitet hatte. Es war keine dramatische Entscheidung. Nur eine ehrliche. Es passte nicht mehr.
Zu oft klammern wir an Dingen, Verpflichtungen, auch Menschen fest, die längst ihre Zeit in unserem Leben überschritten haben aus dem Gedanken es müsste so sein - aus Gewohnheit, aus Pflichtgefühl, aus schlechtem Gewissen.
Doch wenn wir uns fragen: Bringt es mir wirklich Freude? Dann wird die Antwort oft klarer, als wir erwartet haben.
Ich höre schon die Einwände: Es geht doch nicht nur um Freude im Leben.
Aber ganz ehrlich, worum denn dann?

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